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Interview: Die medizinische Herausforderung der Einsatzchirurgie

Ulm (ots) –

Im Interview erklärt Oberstarzt Prof. Dr. Benedikt Friemert, Klinischer Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Bundeswehrkrankenhaus Ulm, welche besonderen Herausforderungen für die Mediziner bei Kriegsverletzungen bestehen.

Herr Oberstarzt, worin unterscheidet sich eine Kriegsverletzung von einem Polytrauma nach einem Verkehrsunfall?

Der wesentliche Unterschied bei Kriegsverletzungen ist die Blutung aus dem Körper heraus. In Deutschland passieren zumeist Verkehrsunfälle oder Stürze. Das bezeichnen wir als „stumpfe Verletzungen“. Die Gewalt wirkt zwar auf den Körper ein, dieser wird dabei aber nicht eröffnet. Hierbei ist das Verbluten nicht sehr häufig. Es gibt eher Verletzungen an der Wirbelsäule oder am Kopf, beziehungsweise Blutungen, die im Zusammenhang mit Verletzungen der inneren Organe stehen. Schuss- oder Stichverletzungen machen in Deutschland nur ungefähr fünf Prozent aus, die restlichen 95 Prozent sind stumpfe Verletzungen.

Wie sieht eine typische Kriegsverletzung aus?

Wenn man von einer Kugel oder einem Schrapnell getroffen wird, dann ist der Körper eröffnet. Meistens fliegt das Projektil durch den Körper durch. Dabei werden Organe und Gewebe zerstört und es kommt zu einer Blutung nach außen. Wir wissen aus den Einsätzen der Bundeswehr, dass ungefähr nach 45 Minuten die Hälfte der Verletzten verbluteten. Deshalb spielt Zeit die überragende Rolle. Zudem rufen Kriegsverletzungen erhebliche Destruktionen des Körpers hervor, was auch bedeutet, dass Anteile des Körpers wie Muskulatur, Knochen, Sehnen oder sonstige Strukturen durchaus fehlen können. Offene Wunden können sich durch Bakterien infizieren. Das wiederum kann zu einer Blutvergiftung oder ähnlichem führen. Unterm Strich sind Schuss- oder Explosionsverletzungen sehr komplex. Es sind Verletzungen, die ein hohes Maß an medizinischer Versorgung bedürfen.

Was bedeutet das konkret für die Mediziner und das Krankenhaus?

Wenn wir Patienten mit Kriegsverletzungen bei uns im Krankenhaus behandeln, dann besteht die erste Herausforderung darin, die Blutung zu stillen. Dafür sind wir in Deutschland trainiert, das machen wir seit über 20 Jahren. Das Problem entsteht dann, wenn plötzlich viele dieser Patienten kommen. Das ist aber im Hinblick auf die Ukraine nicht zu erwarten. Die Akutphase, bei der Patienten verbluten und ich als Chirurg als Erstes die Blutung stoppen muss, werden wir hier nicht mehr erleben. Das muss schon in der Ukraine durchgeführt worden sein. Und nur Patienten, bei denen die Erstmaßnahmen erfolgreich waren, werden wir vielleicht in Deutschland zu behandeln haben.

Wie geht es nach der Akutversorgung der Patienten und Patientinnen weiter?

Die nächste Aufgabe – und das ist das Langwierige – ist die Rekonstruktion. Das heißt, wenn ein Knochenstück am Unterschenkel fehlt, dann müssen wir diesen Knochen wieder rekonstruieren, um das Bein zu erhalten. Dazu sind dann aufwendige operative Verfahren notwendig. Zum einen müssen wir den Knochen wieder ersetzen und zum anderen müssen auch die Weichteile wie Haut und Muskulatur um den Knochen wieder geschlossen werden. Dazu ist dann eine plastische Operation erforderlich. Das sind alles schwierige und langwierige Verfahren – vor allem in der Heilung.

Wie lange werden Patientinnen und Patienten mit Kriegsverletzungen behandelt?

Aus der Erfahrung mit den Patienten aus Kriegsgebieten der letzten Jahre ist davon auszugehen, dass diese in der Regel mehrere Monate bei uns bleiben. Die letzte Patientin, die wir entlassen haben, war ein Jahr bei uns, bis wir sie wieder vollständig hergestellt haben. Das heißt, die Akutphase wird bei den zu erwartenden Patienten bereits überstanden sein. Wir werden im Wesentlichen den ganzen rekonstruktiven Anteil leisten müssen.

Wie werden die Ärztinnen und Ärzte der Bundeswehr auf solche Szenarien vorbereitet?

In der zivilen Gesundheitsversorgung sind immer weniger breit ausgebildete Chirurgen vorhanden. Es sind aber genau die Chirurgen, die wir für unsere Einsätze, aber auch für die Landes- und Bündnisverteidigung brauchen. Denn in einem solchen Fall werden wir als Chirurgen nicht nur zu Hause in unserem Bundeswehrkrankenhaus arbeiten, sondern auch mal an der Front. Das heißt, wir müssen sowohl den Patienten an der Front versorgen können, als auch die rekonstruktiven Eingriffe beherrschen müssen. Da wir natürlich nicht unendlich viele Chirurgen haben, sind wir darauf angewiesen, dass unsere Chirurgen extrem breit ausgebildet werden. Dafür gibt es ein besonderes Ausbildungs-Curriculum. Das bedeutet, dass alle Chirurgen bei der Bundeswehr zunächst zum Allgemeinchirurgen ausgebildet werden. wenn wir die Ausbildung zum Allgemeinchirurgen abgeschlossen haben, dann erhält jeder von uns noch eine Spezialausbildung, beispielsweise zum Unfallchirurgen, zum Gefäßchirurgen oder plastischen Chirurgen.

Welche speziellen Kenntnisse müssen Chirurginnen und Chirurgen bei der Bundeswehr haben?

Sie haben die Kenntnisse der Behandlung von Knochen, des Bauches, des Brustkorbes oder Gefäßen. Nicht in der Tiefe, also nicht als Superspezialist, aber für die Notfallchirurgie. Ein Beispiel: Chirurgen bei der Bundeswehr können ein Gefäß so rekonstruieren, dass wieder Blut ins Bein fließt und das Bein so lange überleben kann, bis der Patient dann bei einem Gefäßchirurgen ist, der ihn dann so weiterbehandelt, wie man das in Friedenszeiten machen würde. Dazu gibt es entsprechende Verfahren, die wir in unserer Ausbildung alle lernen. Für die anderen Fachgebiete der Chirurgie gilt das analog.

Wie lange dauert eine chirurgische Ausbildung bei der Bundeswehr?

Zu den zwei Facharztausbildungen bei der Bundeswehr sind noch viele Kurse abzulegen. Da geht es um Schädelverletzungen, Gefäßverletzungen, Verbrennungen und vieles mehr. Deswegen dauert die Vollausbildung zum Einsatzchirurgen mindestens zehn Jahre. Dann kann der Chirurg notfallchirurgisch alles versorgen und im Bundeswehrkrankenhaus ein Spezialgebiet als Oberarzt übernehmen. So spezialisierte Oberärzte kümmern sich dann zum Beispiel je nach Spezialgebiet um die Schultern, das Knie, die Endoprothetik und so weiter. Es ist also eine ganz besondere Herausforderung, Chirurgen bei der Bundeswehr auszubilden. Ebenso ist es eine besondere Herausforderung, Einsatzchirurg zu sein!

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Quelle: ots

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